praktisches Vorgehen an Beispielen

Eine ganze Reihe von Krankheiten und Beschwerden lassen sich erfolgreich behandeln. Sie werden zur besseren Übersicht nach Regionen unterteilt. Zunächst wird die Vorgehensweise genau beschrieben.

Das schematische Vorgehen ist immer ähnlich, die Reihenfolge der einzelnen Schritte ist variabel und bleibt der persönlichen Erfahrung überlassen.

Allgemeine Vorgehensweise am Beispiel der Migräne

Anamnese

Der Patient klagt über immer wiederkehrende halbseitige Kopfschmerzen. Die Schmerzen sind auch nachts vorhanden, oft fangen die Schmerzen morgens beim Aufstehen an.

Untersuchung

Diese ist primär nicht erforderlich, sondern nur dann, wenn die PatientInnen es wünschen, der Therapeut es für notwendig erachtet oder sich der Erfolg nicht sofort einstellt. Der Verzicht auf eine gezielte Untersuchung der Erkrankung widerspricht allen Gepflogenheiten und wird sicherlich viel Widerspruch auslösen. Aber durch das Modell der vertebro-vegetativen Koppelung bekommen wir eine Diagnosesicherheit wie zum Beispiel der Dermatologe, der überwiegend mit nur einem Blick die Erkrankung sicher zu bestimmen vermag. Dass in der Orthopädie bisher nicht ebenso verfahren werden kann, liegt nur an den bisher vorliegenden insuffizienten Modellen.

Prüfung bei Rotation des Kopfes

Der Patient wird aufgefordert, sich aufrecht hinzusetzen, den Kopf in den Nacken zu legen und dabei den Kopf so nach beiden Seiten zu drehen, so dass das Kinn auf gleicher Höhe (Horizontale) bleibt. Die Aufforderung, eine gedachte im Zenith stehende Wolke, die schräg nach hinten zieht, mit den Augen zu verfolgen, kann bei manchen Patienten helfen.

Typischerweise findet sich eine Bewegungseinschränkung nach einer Seite, die oft auch mit einer Schmerzangabe des Patienten verbunden ist. Gezielt können die Gelenke zwischen Occiput und Atlas noch getestet werden, indem man bei ca. 45° rotiertem Kopf ein Seitnicken zur Gegenseite ausführt (z.B. Linksrotation mit Rechtsseitneigung) und das Bewegungsausmaß zu beiden Seiten vergleicht. Abbildungen dazu finden Sie nur im Buch).

Druckschmerzprüfung

Der Patient sitzt, der Untersucher steht hinter ihm. Zwischen aufsteigendem Kieferast und Mastoid kann der Querfortsatz des Atlas entweder getastet oder dort Druckschmerz ausgelöst werden. Zur Suche weiterer Tenderpoints wird von den Ohrläppchen anfangend mit dem Finger von einer Seite bis zur Medianen unterhalb der Hinterhauptschuppe nach druckschmerzhaften Punkten gesucht. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem Schädelknochen hinter dem Ohrläppchen (Mastoid) und auf den Weichteilen darunter. Findet sich eine schmerzhafte Region, wird mit dem feineren Stift nachgesucht.

Behandlung

Chirotherapie

Der kundige Chirotherapeut wird – eventuell nach Röntgenaufnahme der Halswirbelsäule in 2 Ebenen mit Stellungskontrolle des 1. Halswirbels (Atlas) – eine Manipulation durchführen. Dem weniger Erfahrenen empfehlen wir den “derotierenden Atlasshift nach Steinrücken”, wobei der Kopf nach einer Seite gedreht gehalten wird und der erste Halswirbel auf der Rotationsseite von hinten und auf der anderen Seite von vorne durch sanften Druck über ca. 30-60 Sekunden zurückgedreht wird. Sollte dadurch keine Schmerzlinderung eintreten oder der Schmerz sogar zunehmen, ist die Rotations- und Behandlungsrichtung umzukehren, Fotos dazu finden Sie im Buch.

Suche nach Tenderpoints

Mit der spitzen Seite des Punktsuchstiftes wird in der Region des Hauptdruckschmerzes hinter den Ohrläppchen im Abstand von 2-3 mm nach einem starken Schmerzpunkt gesucht. Dieser Punkt wird markiert und nach kurzer Wartezeit mit dem Stift noch einmal berührt. Nach einer Wartezeit von mindestens 2 Minuten kontrolliert man den Kopf- und Druckschmerz. Bei unzureichender Besserung sollte der Schmerzpunkt mit einer Akupunktur-Dauernadel millimetergenau versorgt werden.

Da der Patient meist nicht mit akuter Migäne kommt, wird der Patient entlassen und zur Kontrolle wiedereinbestellt. Bei einem Teilerfolg sollte zusätzlich nach Schmerzpunkten im Bereich der Dornfortsätze C7 bis Th2 gesucht werden. Diese werden ebenso mit dem Mikropressurstift und Akuperm behandelt.

Wiedereinbestellung

Wichtig ist die regelmäßige Wiedereinbestellung des Patienten, da die Symptomatik besonders bei lange bestehenden Störungen anfangs zu Rezidiven neigt. Bei einem Teilerfolg reicht es meist, die zuletzt behandelten Regionen noch einmal nach dem gleichen Schema zu behandeln und ihn wiedereinzubestellen. Dies kann fortgesetzt werden, bis der Patient zufrieden oder beschwerdefrei ist. Erfahrungsgemäß reichen 3 Behandlungen.

Ausbleibende Besserung

In diesem Fall empfehlen wir folgendes Vorgehen:

Störfeldsuche: Es sind Störfelder im Körper, die die Heilung blockieren. Diese können im Zahn-Kiefer-Bereich, in chronischen Entzündungen, Abdominalproblemen, Narben oder in statischen Problemen liegen. Zur Abklärung bedarf es einer umfangreichen Ganzkörper-Untersuchung, wenn eine Narbenunterspritzung keinen Erfolg gebracht hat. Hierbei wird jeder Therapeut sein eigenes Vorgehen haben.

Bewegungsabhängige Schmerzen lassen sich manchmal beeinflussen, indem gleichzeitig ein Druck auf das verantwortliche Störfeld ausgeübt wird. Besonders im Zahnbereich ist dieses Vorgehen hilfreich.

Zur besseren Übersicht haben wir die Krankheiten und Störungen, die sich mit der Sympathikus-Therapie beeinflussen lassen, im Folgenden in Regionen unterteilt.

Therapie über Fernpunkte in Mikrosystemen

Gelingt trotz korrekter Diagnose und Detektion des Wirbels das Lösen der Blockierung nicht sofort, ist die Anwendung von Fernpunkten sinnvoll. Unter Fernpunkten verstehen wir zweierlei: Die Referenzpunkte in einem Mikrosystem oder die Punkte der sogenannten „energetischen Linie“ der NPSO (Neue Punktuelle Schmerz- und Organtherapie nach Siener).

In der Therapie über Mikrosysteme ist in der Kassenarztpraxis eine Variation von Neuraltherapie und Ohrakupunktur effektiv. Diese Methode wurde von G. Fleck entwickelt und „Sekundenphänomen Akupunktur“ genannt. In dem Areal der Projektionszone des erkrankten Organs wird eine Hautquaddel an das Ohr gesetzt. Manchmal genügt allein diese Therapie, um ausreichende Schmerzfreiheit zu erlangen. Es bedarf keiner speziellen Ausbildung. Es genügt, sich an einer Schautafel der Auriculotherapie zu orientieren.

Die NPSO findet ihr therapeutisches Somatotop am Unterschenkel (Abbildung 17). Wir erachten dieses Mikrosystem für das effektivste von allen uns bekannten. Auch seitens der Zeitökonomie lässt sich die NPSO durch die Anwendung der oben erwähnten „energetische Linie“ sehr gut verwenden. Siener hatte Referenzpunkte nicht nur in seinem Mikrosystem bemerkt, sondern auch auf einer lotrechten Linie, die vom Schmerzpunkt nach oben oder unten gefällt wird. Diese Punkte lassen sich durch Auslösen eines Druckschmerzes oder mittels eines Hautwiderstandmessgerätes detektieren. Auch hier wird nach einer Erholungsphase von fünf Sekunden der Punkt mikropressiert und dann das Ergebnis nicht vor einer Wartezeit von zwei Minuten überprüft.

Validierung der therapeutischen Ergebnisse

Da unsere praktischen Erfahrungen mit der Sympathikus-Therapie denen der Lehrmeinungen häufig widersprachen, haben wir uns schon früh um eine Validierung unserer Ergebnisse bemüht. Bei den Syndromen, die unter das Modell der vertebro-vegetativen Koppelung subsummiert werden konnten, haben wir regelmäßig Befragungen mittels numerischer Analogskalen (NAS) durchgeführt. Um auch hier möglichen Verfälschungen entgegenzuwirken, sind die Befragungen von den Helferinnen durchgeführt worden, da diese den PatientInnen gegenüber im Gegensatz zum Behandler sicherlich eine geringere Erwartungshaltung hatten. 1

Weiterhin sind regelmäßig retrospektive Studien erstellt worden, in denen die PatientInnen rückläufig bis zu fünf Jahren befragt worden sind. Zur Wirksamkeit der Mikropressur sind zwei kleine prospektive Studien mit einfacher Verblindung erstellt worden. Zur Zoster-Therapie existiert eine prospektive Studie, die seit 2007 mittlerweile über 250 Zoster-Patienten begleitet. (siehe Literatur)

Vorgehen bei Schulterschmerzen rechts

Der Patient wird befragt, seit wann und wo er sein Leiden verspüre und vor allem ob eine Verschlechterung im Liegen oder in Ruhe festzustellen sei. Armschmerzen sind nach der Erfahrung der Allgemeinarztpraxis zu über 90 % eine Tendopathie des Muskels Supraspinatus. Dieser zieht über der Spina des Schulterblattes unter dem Schulterblattdach nach vorne zur Kugel des Oberarms. Dort ist dann im Krankheitsfalle ein Tenderpoint zu finden. Der Patient ist nicht in der Lage, den Arm seitlich wesentlich höher als 60° zu heben. Foto Das Unvermögen wird als „painful arc“ beschrieben. Nach einer passiven Unterstützung bis über 90° ist dann eine weitere Anhebung durch Einsatz des Schulterblattes möglich.2

Fünf Sekunden nach Detektion des Tenderpoints durch die Auslösung eines Schmerzes wird dieser Punkt mit einem dünnen Stift mit dem Spitzendurchmesser von einem Millimeter (Kugelschreiberspitze) touchiert. Der Patient verharrt dann zwei Minuten ohne den Arm zu bewegen. Danach wird die Abduktion überprüft. Ist das Ergebnis zufriedenstellend, wird der Patient entlassen (oder zur Stabilisierung des Ergebnisses noch ein Hautdauerreiz – Nadel oder Magnetkügelchen – auf dem Tenderpoint appliziert)

Ist das Ergebnis nicht zufriedenstellend, wird die Dorn-Methode angewendet. Der Therapeut stellt sich seitlich rechts neben den Patienten und umfasst diesen mit seinem rechten Arm indem er seine Hand auf von vorne auf die linke Schulter legt. Der Daumen der linken Therapeutenhand wird an dem Dornfortsatz des fünften Brustwirbelkörpers auf der Seite der kranken Schulter möglichst tief und dennoch flächig einmodelliert. Der Patient pendelt mit den Armen, als wenn er marschieren würde. Bei jeder Rückwärtsbewegung des linken Arms soll er ausatmen und die Muskulatur dadurch zusätzlich zu entspannen. Der Patient hält der durch diese Pendelbewegung erzeugten Rotation der Brustwirbelsäule den nach rechts rotierten Dornfortsatz entgegen. Fünf Pendelbewegungen sind im allgemeinen ausreichend.

Danach wird das Ergebnis noch einmal überprüft. Ist es weiterhin nicht ausreichend, wird eine lokale Therapie am vorderen Tenderpoint durchgeführt. Diese besteht im millimetergenauen Aufsuchen des oben erwähnten ventralen Tenderpoints (Abbildung 18) und der Applikation einer Dauernadel dort.

Ist auch danach das Ergebnis nicht zufriedenstellend, wird eine Störfeldbeteiligung angenommen. Ursachen können Stoffwechselstörungen, Narben oder chronische Entzündungen sein (siehe Fallbeispiel Schulterschmerzen bei Zahnproblemen S. 73). Am einfachsten ist es, primär nach Narben zu suchen. Diese können mit einem Lokalanästhetikum unterspritzt werden oder auch durch eine Mikropressur-Behandlung der Umgebung neutralisiert werden. Führt das nicht zum Erfolg, sind aufwendigere Untersuchungen (z. B. Zahnherde) durchzuführen.

Ist das Ergebnis der anfängliche Behandlung zufriedenstellend, aber es kommt immer wieder zu Rückfällen, dann ist eine Rezidivblockierung anzunehmen, verursacht durch eine Fehlstatik der gesamtem Wirbelsäule. Wir verwenden dann die Manufit-Methode nach Dr. Hack und lösen in einer längeren Sitzung jedes blockierte Wirbelgelenk.

Kommt es auch danach noch zu Rezidiven, wird die letzte Therapie mehrfach wiederholt und begleitend ein Muskelaufbauprogramm für die Wirbelsäule empfohlen. Dieses setzt sich zusammen aus dem täglichen Training mit Kurz- oder Langhanteln und Balancierübungen auf einem Kibbelbrett. Diese Übungen werden zwecks Verankerung einer positiven Motivation mit lustvolleren Tätigkeiten wie Fernsehen oder ähnlichem gekoppelt.

Vorgehen bei Restless-Legs-Syndrom

Bei Patientinnen mit Rhizarthralgie oder Heberdenarthrose ist häufig ein Rundrücken fest zu stellen. Diese Hyperkyphose ist aus statischen Gründen wiederum mit einer Hyperlordose der LWS und daraus folgend einer Horizontalneigung des Sakrums verbunden. In dieser Situation findet sich immer ein Druckschmerz auf der Spitze des dritten Dornfortsatzes des Sakrums. Die Applikation einer Dauernadel auf diesen Punkt erbrachte immer eine nicht unbeträchtliche Aufrichtung der Wirbelsäule.

Patientinnen, die so behandelt worden sind, berichteten gehäuft über eine Besserung ihrer nächtliche Wadenkrämpfe und/oder eine Linderung ihres Restless-Legs-Syndroms. Wurde die Dauernadel wieder entfernt, verschlechterte sich auch die Beinsymptomatik. Beide Erkrankungen weisen zwar auch das pathognomonische Kriterium Verschlechterung in Ruhe auf, eine Iliosakralgelenk- Blockierung war jedoch durch eine Stellungs- und Funktionsüberprüfung der Ossa ilii nicht detektierbar. Auffällig war jedoch eine gewisse Steifigkeit im Kreuz bei Flexionsbewegungen.

Unter der Annahme einer beidseitigen gleichsinnigen Iliosakralgelenk- Blockierung wurde das Iliosakralgelenk nun bei PatientInnen mit Restless‑Legs‑Syndrom sehr intensiv mit der Dorn-Therapie und chiropraktischen Techniken mobilisiert. Begleitend wird immer eine Dauernadel auf den Dornfortsatz von S3 appliziert. Unter dieser Therapie zeigte sich eine zunehmende Besserung der Beinunruhe zumindest bei den PatientInnen, die noch kein Morphium einnehmen mussten und bei denen die Symptomatik erst zum Abend hin eintrat. Vier von 12 PatientInnen wurden sogar völlig beschwerdefrei.

1Watzlawick hat sich mit der Beeinflussung von Befragungen intensiv auseinandergesetzt und festgestellt, es keine unabhängige Befragung gibt.

2Die schulmedizinische Standardtherapie ist hier eine Cortisoninfiltration der Bursa subdeltoidea, die jedoch häufig nur eine vorübergehende Linderung zur Folge hat.